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Erkennen und Handeln

Von perfektionistischen Vorstellungen verabschieden

«Die richtige Erziehung» gibt es nicht, und auch Kinder wünschen sich keine perfekten Eltern. Diese entscheiden jedoch, welche Werte, Fähigkeiten und Verhaltensweisen sie bei ihren Kindern fördern und wie sie auf das Verhalten der Kinder reagieren möchten. Dass Kinder gesund heranwachsen können, hängt massgeblich von der (psychischen) Verfassung der betreuenden Personen und deren Möglichkeiten ab. Sind neben den Stärken und Schwächen der Kinder auch die eigenen bekannt, so müssen Unzulänglichkeiten weder überspielt noch verleugnet werden, und somit stehen Eltern wie auch ihre Kinder weniger unter Druck. Häufig zögern Eltern, sich von aussen Hilfe zu holen. Sie schämen sich, fühlen sich schuldig oder denken, sie müssten die Dinge selbst in den Griff bekommen. Sich Unterstützung zu holen, ist jedoch der erste Schritt zu einer gewaltfreien Beziehung zwischen erwachsenen Bezugspersonen und ihren Kindern.

Eltern müssen wissen, dass sie nicht allein sind, dass sie schnell und unbürokratisch Hilfe erhalten. In der Beratung geht es nicht darum, Schuldzuweisungen auszusprechen, sondern die Fähigkeiten dieser Eltern zu erweitern, sie zu stärken. Gerade Eltern oder andere erwachsene Bezugspersonen von Kindern, die selbst noch unter Erlebnissen aus ihrer Kindheit leiden, benötigen in schwierigen Situationen Hilfe von aussen, damit sie als Erziehende nicht wiederholen, worunter sie als Kinder selber gelitten haben. Unerwünschtes Verhalten der Kinder können Eltern nur schwer aushalten oder gar übergehen, «übersehen». Und sie neigen dazu, unmittelbar darauf zu reagieren. Dabei erzielen sie häufig eine gegenteilige Wirkung. Bloss stellen, Wut und Strafen helfen dem Kind nie. Vielmehr sollten sich Eltern fragen, was hinter dem «störenden“ Verhalten eines Kindes steckt, beispielsweise mangelnde Zuwendung, ablehnendes Verhalten von Kameraden oder überforderung durch unrealistische Erwartungen der Eltern.

Kontakte zu anderen Kindern sind für eine gesunde Entwicklung notwendig, und Kinder lernen dabei sehr viel: Beziehungen eingehen, kommunikative Fähig- und Fertigkeiten, im Besonderen auch das Streiten oder den Umgang mit Meinungsverschiedenheiten. Dies sind wichtige Voraussetzungen, um andere Menschen realistisch einschätzen zu können. Eltern müssen lernen, ihren Kindern zu vertrauen, deren Stärken wahrzunehmen und diese zu akzeptieren. Es gilt aber auch auszuhalten, dass dem Kind einmal Unrecht geschieht.

Fazit

Eltern und andere für die Erziehung eines Kindes verantwortliche Personen können den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, indem sie sich von den Vorstellungen der «heilen Familie» und der «perfekten Erziehung» verabschieden und sich offen über Schwierigkeiten in der Erziehung mit anderen Eltern oder Erzieherinnen und Erziehern austauschen und/oder sich fachlichen Rat und Unterstützung holen. Alle Menschen, die Verantwortung für Kinder tragen, sollten sich untereinander über die Erfahrungen im Erziehungsalltag austauschen und somit die eigenen Erziehungsmethoden hinterfragen können.

Was tun, wenn psychische Gewalt bei einem Kind erkannt wird?

Wenn Sie von psychischer Misshandlung von Kindern Kenntnis haben, oder wenn Sie vermuten, dass einem Kind psychische Gewalt angetan wird, nehmen Sie Ihre Vermutung ernst und lassen Sie Ihr 'ungutes' Gefühl nicht auf sich sitzen. Es ist besser, ein Mal zu früh als ein Mal zu spät oder gar nicht zu handeln. Nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr.

  • Beobachten Sie und sammeln Sie sämtliche Informationen, die Sie haben. Halten Sie die Informationen schriftlich fest.
  • Entscheiden Sie sich, ob Sie selber mit den betreffenden Eltern Kontakt aufnehmen oder ob Sie sich an Fachpersonen wenden möchten. Wenn Sie den Kontakt und das Gespräch mit den Eltern suchen, denken Sie daran, dass es nicht darum geht, nach Schuldigen zu suchen oder die Eltern zu verurteilen. Ziel eines Gesprächs muss sein herauszufinden, wie den Eltern am besten geholfen werden kann, dass sie in Zukunft auf Gewalt verzichten können.
  • Überlegen Sie sich genau, ob Sie mit einem direkten Gespräch den Druck auf Eltern und Kinder nicht erhöhen und damit eine Hilfestellung erschweren.
  • Meistens ist es in solchen Situationen der Sache dienlicher, wenn Sie mit einer Fachperson, einer Fachstelle oder allenfalls sogar mit der zuständigen Behörde Kontakt aufnehmen. Sie können, wenn nötig noch ohne Namen zu nennen, über Ihre Beobachtungen und Informationen sprechen.
  • Mit Fachleuten (Fachstellen) können Sie das weitere Vorgehen besprechen. Eine Möglichkeit besteht darin, der zuständigen Behörde (Vormundschaftsbehörde) Meldung zu machen. Die Vormundschaftsbehörde hat die Pflicht, immer dort, wo das Wohlergehen eines Kindes gefährdet erscheint, die nötigen Untersuchungen in die Wege zu leiten und allfällige Massnahmen zur Behebung der Gefährdungssituation zu beschliessen.