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Psychische Gewalt an Kindern

Psychische Gewalt und die Folgen

Hier finden Sie Informationen zum Thema «Psychische Gewalt an Kindern», zusammengestellt von der Stiftung Kinderschutz Schweiz und Karin Gerber, Elternnotruf Zürich. 

Was ist psychische Gewalt?

Psychische Gewalt an Kindern zählt zu jener Gewaltform, die wohl am häufigsten auftritt, jedoch am wenigsten sichtbar ist, weil keine äusserlichen Verletzungen ausgemacht werden können. Sie wird nicht selten als «normale Erziehungsmethode“ verharmlost. Eltern, aber auch Bezugspersonen von Kindern (Lehrerinnen und Lehrer oder Betreuende) greifen im Alltag aktiv wie auch passiv, d.h. ohne es zu wollen oder gar zu merken, zu dieser Form der Gewalt. Auch unter Erwachsenen und unter Kindern und Jugendlichen wird psychische Gewalt ausgeübt. Psychische Gewalt wird durchaus nicht immer isoliert ausgeübt – sehr oft tritt sie in Kombination mit oder als Bestandteil von anderen Formen von Gewalt auf. Sexuelle Gewalt zum Beispiel ist immer auch psychische Gewalt. Je häufiger Situationen von psychischer Gewalt im Leben des Kindes vorkommen und je regelmässiger es von einer bestimmten Art von psychischer Gewalt betroffen ist – je mehr «System“ die psychische Gewalt hat – desto schwerwiegender sind die möglichen Folgen für das Kind. Häufig ist psychische Gewalt erster Ausdruck einer schwierigen Beziehung zwischen Erwachsenen, Eltern, Bezugspersonen und ihren Kindern. Die Kinder, angewiesen auf die wohlwollende Aufmerksamkeit der Erwachsenen, können sich nicht zur Wehr setzen, werden gefügig oder fühlen sich schuldig am Misslingen der Beziehung. Aus dieser schwierigen Position heraus entwickeln Kinder nicht selten überlebensstrategien, die sie schliesslich als «schwierige Kinder“ erscheinen lassen.

Einige Beispiele psychischer Gewalt

Zurückweisen, verstossen, degradieren, bloss stellen:

Der übergewichtige Felix hat im Diktat einmal mehr eine schlechte Note geschrieben. Der Lehrer verteilt die Arbeiten in der Klasse. Vor Felix bleibt er stehen, lächelt und sagt: «Schlanke Kinder lernen leichter!“ Der Lehrer übt an Felix psychische Gewalt aus, weil er Felix wegen seines Aussehens und seiner schlechten Noten vor der ganzen Klasse bloss stellt und demütigt.

Isolieren:

Alle Mädchen aus Serainas Klasse dürfen im Sommer den Mittwochnachmittag im Schwimmbad verbringen. Serainas Eltern finden, dass sie besser zuerst die Aufgaben erledigen sollte und dass der eigene Garten der geeignetere Spielort für Zwölfjährige sei. Sie könne ja eine Freundin nach Hause einladen, sagt Serainas Mutter, wenn sie nicht allein sein wolle. Die Mädchen aus Serainas Klasse finden sie ziemlich seltsam, weil sie immer gleich nach Hause geht. Die wichtigen sozialen Kontakte mit anderen Kindern werden von den Eltern stark eingeschränkt, schlecht gemacht und manchmal sogar verboten. Der Bewegungsfreiheit des Kindes wird von den Eltern unangemessen Grenzen gesetzt.

Schikanieren:

Täglich muss Johan immer wieder dasselbe Stück auf dem Klavier spielen – ein Stück, das er demnächst aufführen soll. Obschon er das Klavierspielen nicht mag, wird er zum täglichen üben gezwungen. Seine Mutter sitzt daneben und tadelt ihn bei jedem Fehler; ansonsten widmet sie sich ihm kaum. Johan macht auch schon den grossen Einkauf. Schwer beladen kommt er jeweils mit den Einkaufstaschen nach Hause. Dort kontrolliert seine Mutter den ganzen Einkauf bis aufs Kleinste. Fehlt etwas, oder hat Johan das falsche Produkt gewählt, wird er dafür bestraft. Den regelmässigen Wutausbrüchen seiner Mutter fiel erst kürzlich seine über alles geliebte Muschelsammlung zum Opfer. Wer an sein Kind rigide oder unrealistische Erwartungen stellt und ihm gleichzeitig mit Strafen oder Schlägen droht, sollte es diese nicht erfüllen, fügt ihm psychische Gewalt zu. Auch der wiederholte Zwang, unangenehme oder ungeliebte Dinge zu tun – etwa das Klavierüben, obschon das Kind ausdrücklich nicht Klavierspielen will –, ist eine Schikane und als solche eine Form psychischer Gewalt, ebenso die Zerstörung von Gegenständen, die dem Kind lieb sind.

In welchem Umfeld kommt psychische Gewalt vor?

Grundsätzlich ist niemand davor gefeit, psychische Gewalt anzuwenden. Beim grossen Ausmass, in dem diese Form von Gewalt angewendet wird, sind Merkmale der Täter und TäterInnen und spezifischer Situationen und Bedingungen kaum aussagekräftig zu erheben. Die Mehrheit der Erwachsenen übt psychische Gewalt gegen Kinder aus. Spezifische Persönlichkeitsmerkmale sind unter diesen Umständen nicht festzustellen. So 'normal' (statistisch gesprochen) Gewalt gegen Kinder ist, so herkömmlich und üblich sind auch die Merkmale und Charaktere jener, die Gewalt anwenden. Forschungsergebnisse legen nahe, dass mit steigenden Belastungen, denen eine Familie ausgesetzt ist, auch das Risiko für Gewalthandlungen (darunter auch die psychische und insbesondere die verbale Gewalt) wächst. Als Ursachen der Gewalt müssen immer viele unterschiedliche Faktoren in Betracht gezogen werden. Meist wirken individuelle, familiale, soziale und gesellschaftliche Faktoren zusammen. Wo z.B. persönliche Krisen, Partnerschafts- und Arbeitsplatzprobleme, gesundheitliche, finanzielle, schulische und weitere Schwierigkeiten aufeinander treffen, wo das Angbot an Hilfe und Unterstützung gering ist, wo Gewalt eine hohe Akzeptanz hat usw., dort ist die Gefahr gross, dass Gewalt eher auftritt.

Welche Folgen kann psychische Gewalt haben?

Unmittelbar löst die psychische Gewalt beim betroffenen Kind negative Gefühle aus. Es fühlt sich niedergeschlagen, gedemütigt, blossgestellt, minderwertig, orientierungs- und hoffnungslos. Psychische Gewalt kann viele unterschiedliche Probleme zur Folge haben. Als wichtigste zu erwähnen sind etwa Lügen, Stehlen, aggressives Verhalten generell, Einkoten, Bettnässen, geringes Selsbtwertgefühl, emotionale Instabilität, Ängste, Lernbehinderungen, Leistungsschwächen oder Leistungsprobleme, Unfähigkeit zu Vertrauen, Depression, Rückzug, bis hin zu Mord oder Selbstmord.