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«Mein Körper gehört mir!»

Bern, 11. Januar 2008: «Prävention von sexueller Gewalt kann nicht früh genug beginnen.»

Kampagnenleiterin Colette Marti erklärt, weshalb Prävention bereits in jungen Jahren wichtig ist und was die Stiftung Kinderschutz Schweiz im tut, um die Prävention von sexueller Gewalt kindgerecht zu gestalten.*

Frau Marti, erhalten Sie häufig besorgte Rückmeldungen aus Schulen, in denen der Kinderparcours bislang Station machte?

Colette Marti: Bisher haben wir fast ausschliesslich positive Rückmeldungen bekommen. Die Projektevaluation hat das Ergebnis höchster Zufriedenheit auf Seiten der Projektbeteiligten ergeben. Es ist aber auch so, dass sich die Eltern und Lehrpersonen unsicher im Umgang mit dem Thema Prävention sexueller Gewalt fühlen. Das Projekt dient gerade dazu, ihnen diese Unsicherheiten und Berührungsängste zu nehmen. Die Projektbeteiligten zeigen sich denn auch sehr dankbar dafür, dass sie von Aussen Unterstützung erhalten.

«Mein Körper gehört mir!» konfrontiere Schulkinder «mit Sachverhalten, über die sie im Alter von 7 bis 10 Jahren nicht unbedingt Bescheid wissen müssen» wird aus dem Leserbrief einer besorgten Mutter im Zürcher Tages-Anzeiger zitiert. Weshalb beginnt Kinderschutz Schweiz schon im Primarschulalter mit der Prävention von sexueller Gewalt?

Grundsätzlich gilt: Prävention von sexueller Gewalt kann nicht früh genug beginnen. Wir haben uns aus verschiedenen Gründen für ein Projekt für die Primarschulstufe entschieden. Einerseits, weil Kinder in diesem Alter statistisch am meisten gefährdet sind, Opfer sexueller Ausbeutung zu werden, andererseits, weil wir im Kontext der Schule nebst den Kindern auch deren Eltern und Lehrkräfte erreichen. Denn sexuelle Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem, vor dem sich kein Kind allein schützen kann. Es wäre natürlich toll und sinnvoll, wenn es in naher Zukunft ein ähnliches Projekt für die Kindergartenstufe gäbe. In verschiedenen Kantonen wurde aus Fachkreisen bereits ein entsprechender Wunsch geäussert.

Ist die Aufklärung ihrer Kinder nicht Sache der Eltern und müssten nicht diese entscheiden, wann Sie Themen wie sexuelle Gewalt ansprechen?

Eltern gestalten den (sexual-) pädagogischen Alltag der Kinder und nehmen so einen entscheidenden Einfluss auf deren Entwicklung. Auch sind sie die Vertrauenspersonen der Kinder und damit für die Früherkennung sexueller Gewalt wichtig, schliesslich findet ein Grossteil der sexuellen Übergriffe an Kindern im sozialen, oftmals familiären Umfeld des Opfers statt. Deshalb ist es notwendig, dass Eltern bereits früh, das heisst möglichst in den ersten Lebensjahren ihres Kindes, auf die Thematik sensibilisiert und ihnen eine präventiv wirkende Erziehungshaltung sowie konkrete Anwendungsmöglichkeiten vermittelt werden. Unsere Erfahrung aus dem Projekt zeigen jedoch, dass Eltern häufig nur ungenügend Sexualaufklärung leisten. Immer wieder erleben wir, dass Kinder noch keinen Namen für ihre Geschlechtsteile haben, was es im schlimmsten Fall der Fälle für die Kinder noch schwerer machen würde, darüber zu reden. Zur Unterstützen der Eltern bei der Sexualaufklärung ihrer Kinder werden wir im März 2008 eine Informationsbroschüre für Eltern von Kindern zwischen 0 und 5 Jahren herausgeben,Wir müssen uns zudem bewusst sein, dass sexuelle Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, das auch die Schule betrifft. Die Lehrkräfte sind nicht selten mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert, die in ihrem familiären Umfeld sexuelle Gewalt erleben. Als Folge sexueller Ausbeutung entwickeln die betroffenen Kinder Symptome und Auffälligkeiten, die sich auch im Schulalltag äussern. Lehrkräfte haben bei der Prävention sexueller Gewalt entscheidende Rollen: Einerseits gehören sie zu den wichtigsten direkten Ansprechpartnern im Umfeld der Schülerinnen und Schüler. Andererseits eignet sich gerade die Schule, um bei verschiedenen Zielgruppen (Schüler/innen, Eltern) eine pädagogische Haltung zu vermitteln, welche die Verhinderung sexueller Gewalt zum Ziel hat. Eben deshalb ist es im Rahmen unserer Präventionsarbeit mit dem Parcours so wichtig, dass wir die Kinder durch die Ausstellung geleiten und ihre Kompetenzen stärken, aber auch die Weiterbildung der Lehrpersonen sowie die Elternarbeit obligatorisch für Schulen ist, die «Mein Körper gehört mir!» anbieten möchten. Nur so können auch die Erwachsenen die Kinder stärken.

Die Sorge von Eltern und Lehrpersonen darüber, dass Kinder durch die Inhalte von Präventionsprojekten überfordert und verunsichert werden, ist nachvollziehbar. Wie begegnen Sie diesen Ängsten?

Sowohl für Eltern als auch für Lehrpersonen ist es nicht einfach, dieses Thema anzugehen und es ohne Fachkenntnis so aufzubereiten, dass die Kinder tatsächlich weder verunsichert noch überfordert sind. Deshalb werden die Kinder von geschulten Animatorinnen durch die Ausstellung geführt. Damit die Prävention aber im pädagogischen Alltag der Kinder verankert werden kann, bilden wir die Lehrpersonen weiter und geben ihnen didaktisches Material zur Weiterbearbeitung des Themas im Unterricht ab. Wir informieren auch die Eltern über ihre Möglichkeiten, Präventionsalltag im Erziehungsalltag zu leisten und unterstützen Sie mit einer Broschüre, welche die wichtigsten Präventionsbotschaften enthält.

Die Parcours-Stationen sind mit Zeichnungen illustriert. Eine davon zeigt einen Mann, der einem kleinen Mädchen, das auf seinem Schoss sitzt, zwischen die Beine fasst. Der Gesichtsausdruck des Mädchens ist ängstlich, jener des Mannes unsympathisch. Ist eine solch konkrete Bildsprache nötig und was sagen Sie zum Vorwurf, die Ausstellung sei zu sehr «sexualisiert.»

Die Ausstellung basiert auf einem Erlebnis orientierten Konzept und bietet den Mädchen und Knaben der Primarschulstufe (2.-4. Klasse) die Möglichkeit, sich an einzelnen Spielstationen mit der Thematik zu beschäftigen. Dabei steht nicht die Botschaft der sexuellen Gewalt im Zentrum, es geht vielmehr um die Stärkung der Kinder im Umgang mit den eigenen Körper, um den Umgang mit guten und schlechten Gefühlen und guten und schlechten Geheimnissen, die Kinder lernen ihren Willen zu äussern, sie dürfen auch einmal NEIN sagen, und sie wissen am Schluss, wo sie sich Hilfe holen können. Für Kinder ist es aber durchaus wichtig, ein einigermassen klares Bild von dem zu haben, wovon gesprochen wird. Dabei wird bei der im Tagitext angesprochenen Parcours-Station lediglich eine Zeichnung verwendet, die kein allzu hohes Abstraktionsniveau aufweist, die Kinder aller Erfahrung nach aber auch nicht erschreckt. Kinderschutz Schweiz hat generell beim verwendeten Bildmaterial darauf geachtet, keine Sexualisierung von Kindern zuzulassen. Zudem werden die Kinder von AnimatorInnen mit (sexual-)pädagogischer oder psychologischer Ausbildung durch die Ausstellung geführt.

Der Kinderparcours «tourt» seit 2006 durch die Schweiz und wird sowohl in der Deutschschweiz als auch im Tessin und in der Romandie lebhaft von Schulen und Kantonen angefragt. Die Kampagne wird gar bis 2008 verlängert. Ein riesiger Erfolg. Was ist das Besondere an «Mein Körper gehört mir!»?

Ein Plus des Projekts ist sicherlich dessen niederschwelliger Charakter. Es wird von den Lehrpersonen nicht als Belastung, sondern als Entlastung wahrgenommen und entspricht ganz Offensichtlich auch einem grossen Bedürfnis nach Information. Weiter zeichnet das Projekt aus, dass der Parcours kindgerecht, interaktiv und handlungsorientiert. Die spielerische Art, mit denen sich die Kinder mit den Präventionsbotschaften auseinander setzen können, hinterlässt ein positives Gefühl am Ende des Ausstellungbesuch. Schliesslich wird es von unseren Projektpartnern sehr geschätzt, dass sich die Zielgruppen durch das Projekt stärker untereinander vernetzen können, was ein zentraler Faktor für die Nachhaltigkeit des Projekts ist.

Frau Marti, danke für diese hilfreichen Informationen.

*Das Interview führte Cordula Sanwald, Kommunikationsbeauftragte von Stiftung Kinderschutz Schweiz.


Das Bildmaterial unseres Ausstellungsprojektes «Mein Körper gehört mir!» sowie der Umstand, dass Kinder schon in der Primarschule mit dem Thema «sexuelle Gewalt» in Berührung kommen, hat bei einzelnen Eltern Besorgnis erregt. Kinderschutz Schweiz nimmt diese Ängste sehr ernst.